Zum Inhalt springen

Zwischen Stabilität und Moderne

Die Arbeit des Medizinischen Dienstes Sachsen-Anhalt basierte auch im Jahr 2025 auf einer engen, konstruktiven Zusammenarbeit zwischen Vorstand und Verwaltungsrat. In diesem Rahmen werden zentrale fachliche und strategische Fragestellungen gemeinsam beraten, Positionen entwickelt und die Umsetzung im Sinne einer qualitativ hochwertigen, unabhängigen und zukunftsorientierten Aufgabenerfüllung abgestimmt.

Warum ist dieser Austausch für Sie als Vorstandsvorsitzenden wichtig?

Jens Hennicke: Unsere Aufgaben sind kontinuierlich von Veränderungen betroffen, zum Beispiel durch neue Gesetze oder Richtlinien. Deren Umsetzung sollte die Bevölkerungsgruppen berücksichtigen, die davon berührt werden. Unter anderem genau dabei helfen uns die ehrenamtlichen Vertreterinnen und Vertreter in unserem Verwaltungsrat.

Selbstverwaltung ist Ausdruck gelebter Demokratie. Im Gesundheitswesen bedeutet das, Verantwortung für Versorgung, Qualität und Solidargemeinschaft zu übernehmen.

Frau Gemmer, im letzten Jahr haben Sie als Verwaltungsratsvorsitzende in einem Video auf LinkedIn einen sehr persönlichen Einblick zu diesem Ehrenamt gegeben. Wieso haben Sie sich auf diesen neuen Weg begeben?

Traudel Gemmer: Wie Herr Hennicke schon verdeutlicht hat, ist die Selbstverwaltung weit mehr als ein institutionelles Prinzip: Sie ist Ausdruck gelebter Demokratie. Im Gesundheitswesen bedeutet das, Verantwortung für Versorgung, Qualität und Solidargemeinschaft zu übernehmen. Also Themen, die für uns alle von großer Bedeutung sind und für die wir uns ehrenamtlich, unabhängig und mit einem klaren Blick auf das Gemeinwohl engagieren. Das wollen wir auch über neue Kommunikationsformate in den sozialen Medien sichtbar machen. Einerseits, um das Ehrenamt im Gesundheitswesen zu erklären und andererseits, um Menschen für dieses bedeutungsvolle Engagement zu gewinnen.

Begegnen Sie damit auch dem Rechtfertigungsdruck, unter dem sich das korporatistische System immer wieder sieht, Herr Lewerenz?

Helge Lewerenz: Diskussionen um föderale Strukturen, bei den Medizinischen Diensten oder andernorts im Gesundheitswesen sowie in anderen Bereichen, zeigen, dass Effizienz und Steuerungsfähigkeit regelmäßig hinterfragt werden. Das ist legitim und gut. Strukturen dürfen kein Selbstzweck sein. Zentralisierung und das Überwinden von ineffizienten Sektorengrenzen sind ohne Frage der Motor eines zukunftsfesten Gesundheitssystems. Derartige Veränderungen sind sinnvoll, wenn dadurch Versorgung einfacher, qualitativ hochwertig und zugleich bezahlbar wird. Ziele, die wir mit unserer ehrenamtlichen Tätigkeit in der Selbstverwaltung unterstützen. Doch die Umsetzung sollte gut durchdacht sein, da immer neue Regelungsvorschriften Ausdruck einer Bürokratie sind, die innovative Entwicklungen ausbremst.

Entbürokratisierung war im vergangenen Jahr ein Thema, das der Medizinische Dienst Sachsen-Anhalt insbesondere mit dem Kooperationsbündnis Pflege aktiv gefördert hat. Dokumentation und Qualitätsprüfung bleiben aber, oder?

Jens Hennicke: Auf jeden Fall. Beides hat ja wie die Bürokratie an sich eine wichtige Schutzfunktion, die dafür sorgt, dass Gesetze und Regeln einheitlich und nachvollziehbar angewendet werden. Außerdem sind Standards wichtig, um Qualität zu sichern. Der Fokus liegt vielmehr auf dem Ausmaß.

Traudel Gemmer: Genau. Im Mittelpunkt stand dafür die Strukturierte Informationssammlung nach dem Strukturmodell. Dieses praxiserprobte System fokussiert bei der Darstellung des Pflegeprozesses in den Einrichtungen das Wesentliche: die individuelle und bedarfsgerechte Versorgung und die Fachlichkeit der Mitarbeitenden.

Helge Lewerenz: Hierzu wurden hilfreiche Informationsvideos erstellt und Online-Schulungen für die Pflegeeinrichtungen im Land angeboten. Ein Vorgehen, das ganz im Sinne der bundesweiten Initiative zur Reduzierung des Dokumentationsaufwands in Pflegeeinrichtungen stand.

In diesem Zusammenhang sind digitale Lösungen sicher genauso vorteilhaft wie in anderen Bereichen?

Helge Lewerenz: Davon ist auszugehen. Viele Prozesse lassen sich digital vereinfachen oder sogar automatisieren. Das kann Fehler minimieren und Zeit einsparen, die dann zum Beispiel für die Pflege oder Betreuung der Menschen genutzt werden kann. Übergreifend lässt sich dadurch auch schneller und leichter kommunizieren, etwa mit Ärzten oder Angehörigen. Das kann wiederum ein Zeitgewinn sein.

Unsere Aufgaben sind kontinuierlich von Veränderungen betroffen, zum Beispiel durch neue Gesetze oder Richtlinien.

Jens Hennicke

Vorstandsvorsitzender Medizinischer Dienst Sachsen-Anhalt

Jens Hennicke: Das zeigt ganz gut, warum Digitalisierung in der Pflege und in anderen Bereichen des Gesundheitswesens eine Schlüsselrolle einnimmt: Herausforderungen werden adressiert und Möglichkeiten eröffnet. Die Lösungen sollten natürlich nutzerfreundlich konzipiert und flächendeckend verfügbar beziehungsweise angebunden und sicher sein.

Traudel Gemmer: Die konsequente Vernetzung der Versorgung bleibt ein zentrales Zukunftsthema. Moderne Technologien, digitale Anwendungen und eine bessere Zusammenarbeit zwischen Arztpraxen, Krankenhäusern, Notaufnahmen, Heilmittel- und Rehabilitationsanbietern bilden aus Sicht des Verwaltungsrates die Grundlage für ein resilientes, krisenfestes Versorgungssystem.

Helge Lewerenz: Digitale Lösungen tragen außerdem dazu bei, dass das System mit den vorhandenen finanziellen Mitteln besser auskommt, anstatt die Beiträge für Versicherte und Arbeitgeber immer weiter in die Höhe zu treiben.

Frau Gemmer, Sie sagten, die konsequente Vernetzung der Versorgung ist ein zentrales Zukunftsthema. Was genau meinen Sie damit?

Traudel Gemmer: Versorgung sollte weniger in Sektoren, sondern mehr aus Sicht der Patientinnen und Patienten gedacht werden. Sozialrechtliche Unterscheidungen nach Arztpraxis und Krankenhaus, Akutmedizin und Rehabilitation oder gar Pflege- und Krankenkasse sind für Patientinnen und Patienten irrelevant und bedeuten oft unverständliche Antragsverfahren, lange Wartezeiten oder holprige Übergänge von einem Behandler zum anderen.

Helge Lewerenz: Als Verwaltungsrat des Medizinischen Dienstes betreffen uns alle Schnittstellen und Sektorengrenzen. Mit diesem übergreifenden, neutralen Blick können und wollen wir helfen, Grenzen zu überwinden und Versorgung zu sichern.

Jens Hennicke: Wir wissen, dass Sektoren in der Versorgung hemmen und in der Abrechnung ebenfalls zu Problemen führen können. Statt nach Sektoren zu planen, zu vergüten und zu behandeln wäre eine Versorgungsplanung von Vorteil, bei der die Krankenhaus- und Kassenärztliche Planung sektoren- wie länderübergreifend in Versorgungszentren verschiedener Stufen/Level vernetzt wird, bis hin zu Kooperationen für einen effizienten Einsatz von Ressourcen. Quasi nach dem Prinzip der Krankenhausreform, nur noch weiter gefasst?

Jens Hennicke: Ja. Erste Tendenzen in diese Richtung finden sich in der Krankenhausreform zum Beispiel mit den Level-1i-Krankenhäusern oder sektorenunabhängigen Fallpauschalen.

Versorgung sollte weniger in Sektoren, sondern mehr aus Sicht der Patientinnen und Patienten gedacht werden.

Traudel Gemmer

Alternierende Verwaltungsratsvorsitzende Medizinischer Dienst Sachsen-Anhalt

Ist das Thema schon in der Umsetzung?

Helge Lewerenz: Der Medizinische Dienst hat im letzten Jahr die Prüfungen der Leistungsgruppen vorbereitet. Die Voraussetzung für eine einheitliche Durchführung hatte der Medizinische Dienst Bund mit der LOPS-Richtlinie geschaffen, in der die Ausgestaltung und Umsetzung des Prüfverfahrens geregelt sind.

Jens Hennicke: Die LOPS-Richtlinie ist gleichzeitig die Grundlage für unsere OPS-Strukturprüfungen. Zum Teil werden dieselben Unterlagen als Nachweise benötigt wie für die Qualitätskriterien der Leistungsgruppen. Beide Prüfungen zu verbinden ist also absolut sinnvoll. Durch einen einheitlichen Prüfzeitraum für beide können beispielsweise Dienstpläne für die Prüfungen mehrerer OPS-Kodes und für Leistungsgruppenprüfungen genutzt werden. Ein Großteil der vorhandenen Unterlagen kann zudem mehrjährig genutzt werden, zum Beispiel Nachweise über fachliche Erfahrungen und abgeschlossene Ausbildungen oder Gerätenachweise.

Traudel Gemmer: Das Gesetz zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege geht ja in eine ähnliche Richtung und sieht vor, die Qualitätsprüfungen des Medizinischen Dienstes und die Prüfungen der Heimaufsicht enger zu verzahnen.

Die Pflegegutachterinnen und -gutachter der Medizinischen Dienste können und sollten auf Grundlage der individuellen Situation der antragstellenden Person selbst entscheiden können, welcher Umsetzungsweg sich für die Begutachtung am besten eignet.

Helge Lewerenz

Alternierender Verwaltungsratsvorsitzender Medizinischer Dienst Sachsen-Anhalt

Gut, dass Sie darauf zu sprechen kommen, Frau Gemmer. Allerdings ist das nur ein wichtiger Punkt des Gesetzes, oder?

Traudel Gemmer: Absolut. Der wichtigste ist, dass die Kompetenzen von Pflegefachpersonen erweitert werden.

Jens Hennicke: Wobei in diesem Zusammenhang die freie Wahl der Begutachtungsform die Kompetenz unserer Pflegefachpersonen aufgewertet hätte.

Helge Lewerenz: Das sehen wir im Verwaltungsrat genauso. Die Pflegegutachterinnen und -gutachter der Medizinischen Dienste können und sollten auf Grundlage der individuellen Situation der antragstellenden Person selbst entscheiden können, welche Informationen für eine Begutachtung eingeholt werden müssen und ob die Begutachtung als Hausbesuch, als Telefoninterview oder per Videotelefonie durchgeführt wird. Auf diese Weise können die Gutachterinnen und Gutachter die individuellen Gegebenheiten in jedem Fall besser berücksichtigen und unnötige Belastungen für Versicherte reduzieren.

Traudel Gemmer: Abgesehen davon sehe ich hier die fachliche Kompetenz und Neutralität zur Beratung pflegender Angehöriger. Das würde ambulante Pflegedienste entlasten und vom Zwiespalt zwischen kritischen Anmerkungen und einer Serviceorientierung befreien, die sie als Pflegediensleister einnehmen.

Jens Hennicke: Beratungen und Begutachtungen müssen unabhängig und interessenfrei bleiben. Nur so wird die Qualität der Versorgung gesichert.

 

Vielen Dank für die offenen Worte und Ihre Zeit.

Hinweis Archiv Jahresberichte

↗ Zum Archiv früherer Jahresberichte